Sprache
Interview mit Prof. Dr. Karin M. Eichhoff-Cyrus
Dass Frauen durch Sprache diskriminiert werden, ist stärker ins öffentliche Bewusstsein getreten. Die Frauenbewegung hatte in den siebziger Jahren einen nachweislichen Anstoß gegeben. Doch gibt es wirklich stichhaltige Anzeichen für einen gravierenden Wandel im Sprachgebrauch? Für die Netz-News, den Print-Newsletter der Vernetzungsstelle, befragten wir Prof. Dr. Karin M. Eichhoff-Cyrus, Geschäftsführerin der Gesellschaft für Deutsche Sprache und Herausgeberin des bereits vergriffenen Dudens Band 5 "Adam, Eva und die Sprache".Für die Rechtssprache gibt es auf Bundes- und Landesebene Empfehlungen, geschlechtergerecht zu formulieren. Ist das ein Etappensieg?
Es gibt natürlich für die Rechtssprache auf Bundes- und Landesebene Empfehlungen, die sind aber nur zum Teil verbindlich. Das Gleichstellungsgesetz beim Bund und die Rechtstexte werden heute geschlechtergerecht formuliert - meistens. Das ist nicht immer möglich, die alten Gesetze schreibt man nicht um, aber neue Verordnungstexte oder Gesetzestexte, sie werden geschlechtergerecht formuliert. Das halte ich auch für sehr wichtig. Ich würde das nicht als Etappensieg bezeichnen, sondern als logische Schlussfolgerung. Wenn Frauen, wie es im Grundgesetz steht, gleichberechtigt sind, müssen sie auch sprachlich gleichbehandelt werden.
Ist die frauengerechte Sprachform das geeignete Mittel, um einen allgemeinen Bewusstseinswandel für Geschlechtergerechtigkeit herbeizuführen? Was will eine feministische Sprachpolitik?
Die feministische Sprachpolitik ist ein Teil des Gender Mainstreaming: Frauen und Männer sollen in jeder Weise gleich behandelt werden, in sozialen Rollen, in sozialen Positionen, aber auch in der Sprache. Feministische Sprachpolitik will, dass Frauen in der Sprache nicht nur mitgemeint sind, sondern vorkommen - also sprachlich auch genannt werden. Wenn Frauen sprachlich nicht vorkommen, dann werden sie auch nicht ernst genommen. Weder in der Politik noch in anderen gesellschaftlichen Bereichen.
Wir sagen heute Frau Ministerin, aber immer noch nicht Frau Professorin oder Frau Doktorin, das muss erst in den Sprachgebrauch hineinkommen und von allen akzeptiert werden. Bei der Frau Bundeskanzlerin gab es eine große Diskussion, müssen wir Kanzlerinnenamt sagen und dergleichen. Heute gilt immer noch die maskuline Form, die für Männer wie für Frauen gilt. Das ist nicht falsch, und deshalb ist es möglich, die männliche Form zu benutzen. Ich glaube, auf lange Sicht wird man entweder geschlechtergerecht oder geschlechtsneutral formulieren.
Sie halten den Sprachwandel, der sich aus der Kritik entwickelte, für einen der bedeutsamsten der deutschen Sprache. Warum?
Bei den Berufsbezeichnungen ist es besonders wichtig. Es gab mal das Wort Amtmann, dann gab es die Amtmännin, heute heißt es doch ganz klar Amtfrau oder Obfrau. Das dauert eine gewisse Zeit, es muss bewusst gemacht werden, und es muss eine große Gruppe zu dieser Veränderung bereit sein, erst dann geht es in den Sprachgebrauch ein.
Letztlich hat sich die Sprachkritik in Deutschland nach der 68er Revolution entwickelt. In den 70er Jahren kam das große "I", und es wurde Männern wie Frauen klar, dass es nicht gerecht ist, wenn nur das generische Maskulinum verwendet wird.
Es hat sich wirklich viel verändert. Die femininen Formen haben eigentlich überall Platz gefunden in der deutschen Sprache: in den Reden von Politikerinnen und Politikern, zum Teil in Zeitungsartikeln. Und das ist eine ganz große Veränderung. Der Wandel ist über einen Bewusstseinswandel geschehen, und dann gab es Gesetze in der Rechtssprache. Da sind einfach die verschiedenen Formen eingefügt worden, das hat natürlich Einfluss auf die Alltagssprache. Ein Sprachwandel ohnegleichen. Sprache und Gesellschaft sind interdependent, sie beeinflussen sich also gegenseitig. Und darum ist es wichtig, dass wir auch die femininen Formen verwenden, denn wenn wir keine Schauspielerin haben als sprachliche Form, dann kann man sich auch nicht vorstellen, dass eine Frau Schauspielerin sein kann.
Welche Strategien schlagen Sie vor, um Frauen und ihre Lebensrealitäten sprachlich sichtbar werden zu lassen?
Ganz einfach: Frauen müssen eben sprachlich immer vorkommen, sie dürfen nicht nur mitgemeint sein, sondern müssen mitgenannt werden. Es gibt verschiedene Strategien: einmal die Beid-Nennung und geschlechtsneutral Formulieren, Studierende ist ein schönes Beispiel oder Angestellte. Es sollten Komposita gewählt werden mit der Endung "-kraft" oder "-person" wie zum Beispiel "Lehrkraft". Wenn es keine Rechtstexte sind, können auch mal abwechselnd "die Eine" oder "der Andere" benutzt werden. Es gibt sehr viele Möglichkeiten, wichtig ist nur, Frauen müssen in der Sprache sicht- und hörbar sein.
Das telefonische Interview führte Sylvia Wilke.
Prof. Dr. Karin M. Eichhoff-Cyrus:
"Heute sagt kein Mensch mehr 'Fräulein'. Daran sieht man auch, wie sich etwas wandelt. Es ist eben ein Sprachwandel und der braucht Zeit."