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'...in ständiger Angst...' | Historische Studie zur Situation lesbischer Mütter nach der Scheidung

In-staendiger-AngstRheinland-Pfalz hat bundesweit erstmals eine historische Studie gefördert, die sich mit der Situation lesbischer Mütter nach einer Scheidung von ihrem Ehemann befasst. Danach wurde Frauen, die sich scheiden ließen, um in einer Liebesbeziehung mit einer Frau zu leben, jahrzehntelang das Sorgerecht für ihre Kinder entzogen. Frauenministerin Anne Spiegel drückte anlässlich der Veröffentlichung der historischen Studie "...in ständiger Angst..." ihr Bedauern für das darin sichtbar gewordene Unrecht aus.

Die Studie nimmt die Situation in Westdeutschland unter besonderer Berücksichtigung von Rheinland-Pfalz von 1946 bis 2000 in den Blick. Mit der Erarbeitung der Studie waren das Institut für Zeitgeschichte München-Berlin und die Bundestiftung Magnus Hirschfeld beauftragt worden. Die Ergebnisse belegen, dass lesbische Mütter in Angst, Abhängigkeit und Sorge um den Verlust des Sorgerechts ihrer Kinder und den Unterhalt lebten, wenn sie sich von ihrem Ehemann scheiden ließen, um in einer Liebesbeziehung mit einer Frau zu leben.

Ihre Diskriminierung führt die Studie auf mehrere Gründe zurück: Die gesellschaftlichen Erwartungen in den 50er, 60er und 70er Jahren an Frauen waren, sich als Ehefrau und Mutter ausschließlich der Familie zu widmen. Im Scheidungsrecht galt bis 1977 das Schuldprinzip, nach dem schuldig geschiedene Ehepartner oder Ehepartnerinnen den Unterhalt verloren. Die juristischen Kommentierungen des BGB nahmen Einfluss auf die Rechtsprechung, der gleichgeschlechtliche Verkehr wurde als "schwere Eheverfehlung" und damit als Grund für eine schuldige Scheidung angesehen. Dem schuldig geschiedenen Elternteil wurde in der Regel das Sorgerecht nicht zugesprochen. Zudem galt eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft als moralisch bedenklich. Eine Gefährdung des Kindeswohls wurde auch damit begründet, dass eine Diskriminierung der Kinder zu befürchten sei, wenn sie bei ihrer lesbischen Mutter leben.

"Ein zentraler Verdienst der Studie ist der Beleg der systematischen Diskriminierung lesbischer Mütter in der Rechtsprechung und die Sichtbarmachung des unfassbaren Leids, das hierdurch verursacht wurde", resümiert die Familienministerin. "Die Forschungsarbeiten machen aber auch das Schweigen darüber deutlich, das sich aus der Vergangenheit vielfach bis heute fortsetzt, weil nichts verschriftlicht wurde."

Die aktuelle Studie wurde angestoßen durch den Forschungsbericht zur Verfolgung homosexueller Menschen in der Zeit von 1946 bis 1973, der 2017 von der Landesregierung veröffentlicht wurde. Hier hatten sich bereits erste Anzeichen von Diskriminierungen lesbischer Mütter infolge einer Scheidung gezeigt, die die Familienministerin dazu veranlasst hatten, die Studie des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin und der Bundestiftung Magnus Hirschfeld mit 70.000 Euro zu fördern.

Dass lesbische Paare - trotz der Öffnung der Ehe - rechtlich bis heute nicht gleichgestellt sind, bemängelt Ministerin Anne Spiegel: "Zwar werden sie im neuen Adoptionsrecht von der Beratungspflicht ausgenommen, wenn ein Kind in die Ehe oder feste Lebenspartnerschaft geboren wird. Aber die Frau der Geburtsmutter muss nach wie vor das gemeinsame Kind als Stiefkind adoptieren, weil das Abstammungsrecht noch immer nicht reformiert ist. Die Studie ist mir Bestätigung und Ansporn zugleich, mich weiterhin mit aller Kraft dafür einzusetzen, dass die rechtliche Gleichstellung und gesellschaftliche Akzeptanz lesbischer Paare endlich erreicht wird."

Ministerium für Familie, Frauen, Jugend, Integration und Verbraucherschutz Rheinland-Pfalz (Hrsg.): "...in ständiger Angst...", Eine historische Studie über rechtliche Folgen einer Scheidung für Mütter mit lesbischen Beziehungen und ihre Kinder in Westdeutschland unter besonderer Berücksichtigung von Rheinland-Pfalz (1946 bis 2000), Mainz

Weitere Informationen

Die Studie sowie eine Kurzfassung stehen unter www.regenbogen.rlp.de zum Download bereit.

Quelle: Pressemitteilung Ministerium für Familie, Frauen, Jugend, Integration und Verbraucherschutz Rheinland-Pfalz, 14.01.2021

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