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Der Blaustrumpf - ein fast vergessenes Schimpfwort

Autorin: Eva Weickart

Sprache sei, das sagt die Sprachwissenschaft, lebendig. Und Wörter stürben unter anderem aus, weil ihr Gegenstand, den sie einmal zu benennen hatten, nicht mehr existiere.

Dass die nackte Angst von Männern vor intellektueller weiblicher Konkurrenz zusammen mit Begriff »Blaustrumpf« verschwunden ist, mag niemand ernsthaft annehmen. Und doch hat sich der kreative, kluge und gebildete Frauen herabwürdigende Begriff des Blaustrumpfes seit geraumer Zeit aus unserem Sprachgebrauch verflüchtigt.

Wann genau der Ausdruck Blaustrumpf aus dem akademischen und nichtakademischen Alltag verschwunden ist, lässt sich wohl nicht eindeutig klären. In den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts gab es das Wort noch. Und auch Helke Sander wusste bei ihrer legendären Frauenrede vor dem SDS 1968 noch sehr genau, dass ihre männlichen Mitstudierenden ganz konkrete Vorstellungen von einem Blaustrumpf hatten, die sich wahrscheinlich nicht wesentlich von denen ihrer Väter und Großväter unterschieden. Doch irgendwann zwischen 1968 und heute kam das so populäre Schimpfwort abhanden.

Der Blaustrumpf funktionierte wohl nicht mehr so recht als Spottname für eine stetig wachsende Zahl von studierenden und studierten Frauen in den 70er und 80er Jahren. Da halfen dann andere Wortschöpfungen. Es war allemal wirkungsvoller, Frauen am Ende des 20. Jahrhunderts als (am besten mit dem Adjektiv: frustrierte) Emanzen, denn als Blaustrümpfe zu beschimpfen. Der Effekt blieb schließlich der gleiche.

Dabei hatte das Wort Blaustrumpf doch über einen langen Zeitraum gute Dienste geleistet, Frauen und ihren Kampf um Bildung der Lächerlichkeit preiszugeben - und damit ein Geschlecht in Schach zu halten.

Ein Großteil der männlichen (Bildungs-)Elite Westeuropas verschwendete spätestens seit der Mitte des 18. Jahrhunderts viel Zeit und Energie darauf, sehr gelehrt über das Maß an Bildung zu verhandeln, das Frauen ihrer Meinung nach zustand. Universitäre Bildung gehörte nach Auffassung der meisten nicht dazu, ungeachtet der Tatsache, dass es in allen Jahrhunderten immer wieder einmal Frauen geschafft hatten, umfassende Bildung zu erwerben, zu studieren und zu promovieren. Bei solchen, durchaus als Wunder bestaunten, Ausnahmen sollte es bleiben, also mussten wirkungsvolle Mittel zur Abschreckung ambitionierter Frauen und Mädchen geschaffen werden. Und da half auch das Zerrbild des Blaustrumpfes.

Quer durch die Karikaturenlandschaft des 19. Jahrhunderts bis weit ins 20. Jahrhundert hinein galt der Blaustrumpf als Inbegriff des Unweiblichen. Besonders der französische Lithograph und Karikaturist Honoré Daumier (1808 - 1879) tat sich dabei hervor und schuf sogar einen aus über 80 einzelnen Zeichnungen bestehenden Blaustrumpf-Zyklus (Les Bas-Bleus waren die Blaustrümpfe auf Französisch.) So kamen Karikaturen von Ehefrauen in die Welt, die Literatur produzierten (und dabei sich selbst), während der Gatte sich um die Kinder kümmern musste und verzweifelt mit ungeflickter Hose in der unaufgeräumten Wohnung stand. Später war auch die deutsche Satirezeitschrift Simplicissimus mit ihrem Hauptzeichner Thomas Theodor Heine (und vielen anderen!) nicht verlegen, Spottbilder hässlicher Studentinnen zu zeigen, die nur deshalb an die Universität wollten, weil sie ohnehin keine Chance auf dem Heiratsmarkt hatten. Aber auch das Gegenstück dazu war beliebt: die Hübsche, die an der Universität nur nach einem passenden Ehemann Ausschau hielt.

Der Blaustrumpf in all seinen bildhaften Darstellungen war also geboren und für lange Zeit als herabsetzendes Wort in der Welt. Dabei war, so geht laut vielen englischen Quellen die Geschichte, ausgerechnet der erste Blaustrumpf - ein Mann! Und auch die nach ihm benannten Blaustrümpfe konnten sowohl Männer als auch Frauen sein.

Die originalen (und originellen) ‚Blue-Stockings´ entstanden in England um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Der ewig gleichen Freizeitbeschäftigungen der besseren Gesellschaft überdrüssig, machten auch in England einige gebildete und geistig unabhängige Frauen ihre Salons zu Orten des Gesprächs über Literatur und Wissenschaft. Statt Karten zu spielen, luden Frauen wie Elizabeth Robinson Montague (1720 - 1800) oder Elizabeth Versey (um 1715 - 1791) regelmäßig interessante männliche und weibliche Gäste ein. Gern gesehen bei solchen anspruchsvollen Zusammenkünften, weil anregend und konversationserprobt, war der Botaniker, Philosoph und Dichter Benjamin Stillingfleet (1702 - 1771).
Stillingfleet war finanziell nicht auf Rosen gebettet, seine Kleidung entsprach bei weitem nicht dem, was ein englischer Herr zu tragen pflegte. So viel Geist und Witz er wohl auch besaß, so wenig Geld hatte er übrig für die bei Abendgesellschaften übliche Kleidung inklusive der obligatorischen schwarzen Seidenstrümpfe.

Eine Anekdote besagt, Elizabeth Versey habe Stillingfleet spontan zu einem ihrer Konversationsabende eingeladen. Er aber habe angemerkt, keine passende Garderobe zu besitzen. Die schlagfertige Mrs. Versey habe entgegnet: »Macht nichts! Kommen Sie in Ihren blauen Strümpfen!« Diese Stillingfleetschen blauen Strümpfe, weil nicht nur an einem Abend getragen, wurden im Laufe der Jahre in England zum (ebenfalls nur selten freundlich gebrauchten) Synonym für literarisch und intellektuell ausgerichtete Zusammenkünfte von Frauen, ja eigentlich zum Synonym für weibliche Anmaßung über Literatur, Kunst und Wissenschaft zu reden und sie selbst zu schaffen.

Es dauerte eine Weile, bis der Ausdruck - inklusive der negativen Wertung - den Weg auf den Kontinent fand. Hier, und besonders gern und erfolgreich in Deutschland, diente er ebenfalls zur Abwehr weiblicher Intellektualität. Den Titel Blaustrumpf machte, trotz des blaustrümpfigen männlichen Originals, übrigens kein Mann jemals einer Frau streitig...

Daumier und andere Zeitgenossen (darunter durchaus auch einige Zeitgenossinnen wie Marie von Ebner-Eschenbach!) arbeiteten sozusagen präventiv. Schreibende Frauen hatten einige von ihnen vielleicht schon einmal in natura gesehen, studierte Frauen aber wohl nur die wenigsten. Und auch 1908, als Frauen (theoretisch) an allen deutschen Hochschulen zugelassen waren, mussten sich die meisten, die sich über Blaustrümpfe amüsierten, schon sehr anstrengen, eine der 386 zugelassenen Studentinnen zu Gesicht zu bekommen. (Die Zahl der männlichen Studierenden betrug im gleichen Jahr 60.514.)

1931, dem Jahr mit der höchsten Studierendenzahl vor der Machtergreifung der Nazis gab es 134.767 Studenten und 21.195 Studentinnen. Wie viele dieser rund 13 Prozent Frauen an den deutschen Hochschulen offen oder hinter vorgehaltener Hand als Blaustrümpfe tituliert worden sind, ist leider nie erhoben worden. Das gleiche gilt auch für die 50er und 60er Jahre - als das Wort Blaustrumpf noch zum Standardvokabular von Frauenfeinden aller Art gehörte. Und meist verfehlte das Wort nicht die gewünschte Wirkung: viele studierte Frauen wiesen den Vorwurf, ein Blaustrumpf zu sein, weit von sich. Wie es viele dann später auch mit Wörtern wie Feministin oder Emanze tun sollten... »Man hat die gelehrten Weiber lächerlich gemacht, und man wollte auch die unterrichteten nicht leiden, wahrscheinlich, weil man für unhöflich hielt, so viel unwissende Männer zu beschämen.«
Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre (Bekenntnisse einer schönen Seele)

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Stader-Erklaerung
Die internationale Konferenz "Fair Pay – Wie geht es besser in Skandinavien" widmete sich Fragen der Entgeltgleichheit und Arbeitsmarktpolitik in Deutschland und Skandinavien. Im Nachgang der Veranstaltung wurde die Stader Erklärung erarbeitet.
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