Antifeministische Angriffe auf kommunale Gleichstellungsarbeit nehmen deutlich zu und stellen eine wachsende Gefahr für die Demokratie dar. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Erhebung der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) kommunaler Frauenbüros und Gleichstellungsstellen, die in Zusammenarbeit mit der Amadeu Antonio Stiftung entstanden ist. Die Studie ist Grundlage für eine Handreichung und basiert auf einer bundesweiten Befragung von 351 kommunalen Gleichstellungsbeauftragten.
- 95 % der befragten Gleichstellungsbeauftragten sehen die Gleichstellungsarbeit durch antidemokratische Entwicklungen bedroht
- 63 % der Befragten haben in ihrer Arbeit mindestens eine Form von antifeministischen Angriffen erlebt
- Etwa 21 % berichten von Einschränkungen von Angeboten und Projekten
Alltag Antifeminismus
Antifeministische Angriffe prägen für viele Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte zunehmend den Arbeitsalltag. Antifeminismus ist eine Ideologie, mit der versucht wird, die Erfolge der Gleichstellungsarbeit zunichtezumachen und deren Akteur*innen systematisch einzuschüchtern. Antifeminismus bedeutet wiederkehrende, systematische Versuche, die Gleichstellung von Frauen und die Arbeit der kommunalen Gleichstellungsstellen abzuwerten, lächerlich zu machen und unter dem Deckmantel des Bürokratieabbaus einzuschränken bis abzuschaffen. Damit schwächt Antifeminismus demokratische Strukturen. “Das macht deutlich: Es geht hier nicht um persönliche Auseinandersetzungen- es geht um ein strukturelles Problem, dem wir uns stellen müssen”, betont Maja Loeffler, BAG-Bundessprecherin.
Die Handreichung stützt sich auf eine bundesweite Online-Befragung mit 351 (von ca. 1900) kommunalen Gleichstellungsbeauftragten. Nahezu alle Befragten berichten von antifeministischen Angriffen in ihrem Arbeitsalltag. Diese reichen von vermeintlich “harmlosen” Kommentaren über gezielte Einschüchterungsversuche bis hin zu Morddrohungen. “Das zeigt: Wer heutzutage Gleichstellungsarbeit macht, muss damit rechnen, dafür angefeindet zu werden“, so BAG Bundessprecherin Tinka Frahm.
Massive Angriffe auf Gleichstellungsbeauftragte
95 Prozent der befragten Gleichstellungsbeauftragten sehen ihre Arbeit durch antidemokratische Entwicklungen bedroht, drei Viertel davon sogar stark oder sehr stark.
63 Prozent berichten von konkreten antifeministischen Angriffen im Berufsalltag oder Untergrabungen ihrer Tätigkeit. Die häufigste Form der Angriffe sind direkte verbale Anfeindungen im Amt, gefolgt von strukturellen Angriffen und interner Sabotage. 14 Prozent geben an, digitale Gewalt mit teils entmenschlichenden Gewaltfantasien zu erleben.
Rund jede sechste Gleichstellungsbeauftragte schätzt die eigene Sicherheit oder die des Teams als gefährdet ein. In etwa 21 Prozent der Fälle führten die Angriffe bereits zu Einschränkungen von Projekten und Angeboten. Sabine Herberth, Hauptautorin der Studie und Leiterin der Antifeminismusarbeit der Amadeu Antonio Stiftung erklärt: “Gleichstellung ist ein gesellschaftlicher Seismograf: Wer Gleichstellungsarbeit angreift, stellt nicht nur ein Fachthema infrage, sondern zentrale Prinzipien unserer Demokratie: Schutz vor Gewalt, gleiche Rechte und gesellschaftliche Teilhabe. Genau deshalb sind antifeministische Angriffe so gefährlich.”
Verfassungsauftrag Gleichstellung
Kommunale Gleichstellungsbeauftragte setzen den verfassungsrechtlichen Auftrag um, tatsächliche Gleichberechtigung zu fördern und Benachteiligungen abzubauen. Damit tragen sie ganz konkret dazu bei, dass Menschenrechte, Teilhabe und Schutz vor Gewalt vor Ort wirksam werden. In dieser Handreichung wird deutlich: Gleichstellungsarbeit wirkt wie ein Demokratiesensor. Dort, wo Gleichstellung sichtbar delegitimiert, strukturell ausgehöhlt (durch Kürzung von Geldern und Personal) oder politisch zum Streitobjekt gemacht wird, zeigen sich häufig auch andere demokratiegefährdende Dynamiken. Umgekehrt gilt: Wo Kommunen Gleichstellung absichern, stärken sie die demokratische Kultur insgesamt. Gleichstellungsarbeit ist damit ein Schutzfaktor gegen antidemokratische und antifeministische Entwicklungen, nicht nur für Frauen und Mädchen, sondern auch für das Gemeinwesen.
Antifeminismus erkennen und professionell begegnen
Die Handreichung soll dabei helfen, antifeministische Angriffe auf Gleichstellungsarbeit zu erkennen,einzuordnen und typische Musterzu verstehen. Darüber hinaus zeigt sie auf,wie diesen im Berufsalltag professionell begegnet werden kann. Die Meldestelle Antifeminismus dokumentierte 558 antifeministische Vorfälle für das Jahr 2024, ein Anstieg von rund 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Durchschnittlich werden damit etwa zehn Vorfälle pro Woche gemeldet, fast 30 Prozent davon im digitalen Raum. Expert*innen gehen zudem von einer deutlich höheren Dunkelziffer aus. BAG- Bundessprecherin Dr. Marie-Luise Löffler: “Antifeminismus wird weiterhin oft unterschätzt. Die Handreichung macht die gravierenden Auswirkungen sichtbar und unterstreicht den dringenden Handlungsbedarf in diesem Bereich.”
Antifeminismus hat viele Formen
Die Befunde sind nicht repräsentativ für alle Kommunen in Deutschland. Sie geben aber einen guten Einblick in die aktuelle Situation vieler Gleichstellungsbeauftragter. In einigen ostdeutschen Regionen berichten Gleichstellungsbeauftragte von einer besonders angespannten Lage, in der sich rechtsextreme Gewalt, Projektkürzungen und ein feindliches Klima gegen demokratisches Engagement überlagern. In westdeutschen Kommunen berichten Gleichstellungsbeauftragte häufig von Angriffen durch Anträge, Haushaltsdebatten, öffentliche Abwertung und wiederkehrende Infragestellungen in Gremien. In süddeutschen Kontexten werden besonders bei Themen rund um Schwangerschaftsabbrüche und reproduktive Rechte massive Anfeindungen beschrieben, bis hin zu schweren Bedrohungen. Für diese Handreichung wurden Angriffe auf die kommunale Gleichstellungsarbeit erstmals strukturiert erhoben und aufbereitet. Sie wurde in Zusammenarbeit mit der Amadeu Antonio Stiftung und unter fachlicher Beratung von Lola für Demokratie e.V. entwickelt und vom BMBFSFJ gefördert.
Die Handreichung ist auf der Website der BAG als Kurz- und Langfassung erhältlich.
Quelle: Pressemitteilung der BAG kommunaler Frauenbüros & Gleichstellungsstellen vom 13.4.2026



