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April 2027 | Frauen und Bundeswehr

Gleichberechtigung durch Waffendienst oder feministischer Irrweg?

Die erste Frau in der Bundeswehr wurde 1975 vereidigt – im Sanitätsdienst. Auch der Militärmusikdienst wurde in der Folge für Frauen geöffnet. Aber erst 2001, nach einem wegweisenden EuGH-Urteil, erhielten sie Zugang zu allen militärischen Laufbahnen und dürfen seitdem auch an der Waffe dienen. Sie tun es mittlerweile auch, und dennoch liegt der Frauenanteil in der Bundeswehr heute nur knapp unter 14 Prozent. Als ein Erfolg für die Gleichberechtigung wurde die Öffnung damals gefeiert – Zugang zu einer bislang männlichen Domäne – und auch die heutigen Zahlen werden nicht zuletzt von Bundeswehr und Verteidigungsminister als Fortschritt verkauft. Dennoch liegen die Dinge nicht so einfach. So äußerten beispielsweise lediglich 4 % der jungen Frauen, die im Rahmen der aktuellen Wehrpflicht-Debatte befragt wurden, Interesse am neuen Wehrdienst. Weiblicher Nachwuchs scheint also nicht zuverlässig in Sicht, was die Debatte um eine Wehrpflicht für Frauen befeuert. Nach Artikel 12a Grundgesetz sind bislang ausschließlich Männer an die Wehrpflicht gebunden. 

Ganz grundsätzlich stellt sich damit die Frage, wie erstrebenswert es ist, den Frauenanteil bei den Streitkräften zu erhöhen, sei es durch Bemühungen um "attraktivere Rahmenbedingungen" oder im Rahmen einer allgemeinen Wehrpflicht. Denn es gibt wohl kaum einen Ort, der so deutlich patriarchale Strukturen, Vorstellungen von wehrhafter Männlichkeit und die binäre Geschlechterordnung perpetuiert wie das Militär. Immer wieder werden Fälle von geschlechtsspezifischer Gewalt und sexistischer Diskriminierung innerhalb der Truppe bekannt – Ausdruck einer Kultur, die von Frauen erwartet, sich in männlich geprägte Strukturen einzupassen, statt diese infrage zu stellen. 

Der feministisch-pazifistischen Tradition widerspricht der Wunsch nach mehr Frauen in der Bundeswehr in jedem Fall, denn danach war Feminismus immer auch Pazifismus, weil Patriarchat und Militarismus als strukturell miteinander verwoben gelten. Den Strukturen dienen, die man eigentlich bekämpfen will, erscheint unter dieser Prämisse unmöglich. Ein weiterer Aspekt: Frauen (und queere Personen) erhalten für die "Teilhabe an der Selbstverständlichkeit des Krieges eine 'militarisierte Dividende' der gesellschaftlichen Anerkennung", ein von der Wissenschaftlerin Claudia Brunner geprägter Begriff. Sie beklagt, dass Frauen gleichzeitig in Bereichen, in denen echte Gleichstellung nicht erreicht ist – Soziales, Gesundheit, Bildung, Geschlechterpolitik – nicht gehört und unverblümt zur Bescheidenheit aufgefordert werden. Geschlecht taucht im sicherheitspolitischen Diskurs nur auf, wo es nützt. Diversität und Gleichberechtigung dienen dazu, das Militär zu humanisieren und Aufrüstung sowie Kriegsbereitschaft gesellschaftlich akzeptabel zu machen, indem man sich als Teil einer "freien, modernen, gleichberechtigten" Gesellschaft inszeniert – im Gegensatz zum vermeintlich rückständigen Feind.

Bei Friedensverhandlungen sitzen Frauen dagegen bis heute nicht gleichberechtigt mit am Tisch und haben bei der Frage, ob überhaupt Krieg geführt wird, kaum Gewicht – Antimilitarismus wird oft als naiv und weiblich-emotional abgestempeltem Pazifismus gleichgesetzt und damit von vornherein als ernstzunehmende politische Position ausgeschlossen. Und auch finanziell hat diese Schieflage Auswirkungen: Aufrüstung für "territoriale Sicherheit" wird bezahlt mit Geld, das bei sozialer Sicherheit gespart wird. Als bedeute "Verantwortung" für das eigene Land vor allem, es im Zweifel militärisch zu verteidigen, während andere Formen von Verantwortung, etwa für soziale Sicherheit oder gesellschaftlichen Zusammenhalt, in dieser Logik nachrangig werden.

Und doch ist es schwierig, diese Kritik seit Beginn des Angriffs Russlands auf die Ukraine, uneingeschränkt beizubehalten. Wenn ein Land tatsächlich überfallen wird, wirkt die Frage "Ist Verteidigungsfähigkeit erstrebenswert?" plötzlich weniger abstrakt. Spannend ist in diesem Zusammenhang eine Haltung, die sich für ein pluralistisches feministisches Sicherheitsverständnis ausspricht, die "feministische Care Ethics". Statt nach dem einen, ethisch richtigen Prinzip zu fragen, richtet sie den Blick darauf, wer Verantwortung für wen trägt und was daraus folgt – wer bedroht ist, wer Schutz braucht, wessen Verletzlichkeit gesehen wird und wessen nicht. "Dieser veränderte Ausgangspunkt erlaubt es, Widersprüche anders zu bearbeiten. Weil Care Ethics kein universell richtiges Urteil sucht, sondern ein situativ verankertes, muss der Konflikt zwischen Antimilitarismus und Verteidigungsfähigkeit nicht grundsätzlich entschieden werden. Stattdessen muss er ausgehalten und in konkreten Kontexten immer wieder neu beantwortet werden.", so Niklas Balbon in seiner Veröffentlichung zum Thema für die Heinrich-Böll-Stiftung.

Am Ende bleibt: Dass Frauen die individuelle Entscheidung treffen können, ob sie dienen, ist ein Fortschritt, der aber auch dazu dient, patriarchale Strukturen zu legitimieren, statt sie infrage zu stellen.

Quellen:

https://www.rnd.de/politik/nur-4-prozent-melden-sich-warum-die-bundeswehr-junge-frauen-kaum-erreicht-EQQ7VGL77NAP7NLV56T23XPCKE.html

https://www.gwi-boell.de/de/2026/05/19/widersprueche-aushalten-fuer-eine-sicherheitspolitik-die-sich-sorgt

https://www.imi-online.de/2025/12/15/militaer-macht-gender/

https://www.friedenskooperative.de/friedensforum/artikel/wehrpflicht-oder-dienstpflicht-fuer-frauen 

https://jacobin.de/artikel/feminismus-bundeswehr-krieg-frieden-zetkin-baerbock-wehrpflicht-waffenlieferungen-frauenrechte

https://elibrary.utb.de/doi/abs/10.3224/feminapolitica.v35i1.12?download=true

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