Juni 2027 | Geschlechtsspezifische Gewalt im Krieg
Vom Schweigen zur Anklage

Denken wir an geschlechtsspezifische und sexualisierte Gewalt im Krieg, denken wir zunächst an Vergewaltigungen. Aber auch andere Gewaltformen, wie unerwünschtes Anfassen von Körperteilen, erzwungenes Auskleiden, Zwangsprostitution und sexuelle Versklavung fallen unter diese Begrifflichkeit. Insbesondere Vergewaltigungen im Krieg sind "Symbol der Erniedrigung des Gegners, der 'seine' Frauen nicht schützen kann. Als strategische Kriegswaffe wird sexualisierte Gewalt auch zum Zweck ethnisch motivierter Vertreibungen oder Ermordung eingesetzt", so medica mondiale, eine Frauenrechts- und Hilfsorganisation mit weltweiten Hilfsprojekten für Frauen und Mädchen, die von sexualisierter Kriegsgewalt betroffen sind. Im Wesentlichen geht es um Machtausübung, Zerstörung und Destabilisierung sowie eine massive Verletzung oder Dehumanisierung der Gegner:innen. Betroffen sind zu 97% Frauen und Mädchen.
Sexualisierte Kriegsgewalt ist ein schwerer Eingriff in die körperliche Integrität eines Menschen und ist als Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag anklagbar. Und es lässt sich beobachten, dass sich die patriarchalen Geschlechtervorstellungen und -rollen durch bewaffnete Konflikte verhärten. Auch das ist geschlechtsspezifische Gewalt.
Im Laufe der Geschichte ist sexualisierte Gewalt in unzähligen Konflikten weltweit belegt, dennoch wurde sie oftmals nicht als Verbrechen thematisiert oder bezeichnet. Dies änderte sich in den 1990er Jahren, zu Zeiten der Kriege in Bosnien-Herzegowina und Ruanda. Eine entscheidende Rolle spielte auch hier die Weltfrauenkonferenz 1995 in Peking, die in ihrer Abschlusserklärung den systematischen Einsatz von sexualisierter Gewalt benannt und angeprangert hat. Seitdem wird immer häufiger bei sexualisierter Gewalt in Kriegen von "Kriegswaffe" gesprochen. Das darf allerdings nicht davon ablenken, dass sexualisierte Gewalt bereits zu Friedenszeiten Alltagserfahrung vieler Mädchen und Frauen ist und es sich hier um ein grundsätzlich strukturelles Problem handelt.
In den 1970er Jahre begannen Frauen verschiedenster Frauen- und Nichtregierungsorganisationen Gewalt gegen Frauen, nicht als Einzelverbrechen, sondern als systemische Form der Gewalt in Frauen-Tribunalen öffentlich zu machen. Hierbei handelt es sich nicht um juristische Verfahren, sondern um Ergänzungen. Eins der bekanntesten Tribunale fand im Jahr 2000 in Tokio statt, wo Frauen die strafrechtliche Verantwortlichkeit hochrangiger japanischer militärischer und politischer Beamter und des Staates Japan für Vergewaltigungen und sexuelle Sklaverei als Verbrechen gegen die Menschlichkeit während der japanischen Militäraktivitäten im asiatisch-pazifischen Raum in den 1930er und 1940er Jahren thematisierten. Hier ging es vorrangig um die sogenannten Trostfrauen (comfort women), also Mädchen und Frauen, die für die japanischen Kriegsbordelle des Zweiten Weltkriegs zwangsprostituiert wurden.
Erst gut 10 Jahre nach dem Krieg in Bosnien und Herzegowina wurde möglich, dass Überlebende sexualisierter Kriegsgewalt den "Status des zivilen Kriegsopfers" beantragen konnten. Dies berechtigt zum Bezug einer monatlichen Rente und Zugang zu bestimmten Förderprogrammen. Damit war Bosnien und Herzegowina das erste Land überhaupt, das ein Entschädigungsgesetz verabschiedet hat, allerdings gibt es keinen einheitlichen Rechtsrahmen, sondern die Entschädigung hängt davon ab, in welcher Entität die Frauen leben. Bis heute haben gerade einmal rund 800 Frauen und auch 100 Männer den Status zuerkannt bekommen.
Medicale mondiale, 1993 gegründet, ist mittlerweile in 13 Kriegs- und Krisengebieten aktiv vertreten und engagiert sich, auch mit Partnerorganisationen, gegen sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Mädchen in bewaffneten Konflikten. Die Gründerin Monika Hauser fordert eine konsequente feministische Erinnerungskultur. Dabei geht es zum einen um sich Sichtbarmachung von weiblichem Leid und zu anderen um die Aufarbeitung von Gewaltstrukturen. Die meisten offiziellen Gedenktage, z.B. der Volkstrauertag Gedenken eher männlichen Kriegsopfern.
Quellen:
Aufarbeitung von sexualisierter Kriegsgewalt: Lehren aus Bosnien und Herzegowina - PeaceLab-Blog
Sexualisierte Gewalt im Kontext von Krieg und Frieden | Femizide und Gewalt gegen Frauen, Bundeszentrale für politische Bildung
medica mondiale, https://medicamondiale.org/gewalt-gegen-frauen/sexualisierte-kriegsgewalt
medica mondiale, https://medicamondiale.org/ueber-uns/was-wir-tun/unser-einsatz-fuer-frauenrechte
https://de.wikipedia.org/wiki/Frauen-Tribunal
medica mondiale, https://medicamondiale.org/service/mediathek/sexualisierte-gewalt-als-kriegswaffe
Frieda - Die feministische Friedensorganisation, https://www.frieda.org/de/publikationen/geschlechter-un-gerechtigkeit-und-krieg-eine-analyse-zu-geschlechtsspezifischer-gewalt-im-nahostkrieg
Aktions- und Feiertage im Juni
20. Juni Weltflüchtlingstag (2000 von den Vereinten Nationen proklamiert und seit 2001 begangen)
26. Juni Internationaler Tag der Vereinten Nationen zur Unterstützung der Opfer von Folter